Volume 6, Issue 1: Spring 2010

Special Issue: Motorcycle--Beschleunigung und Rebellion?

 

Retro trifft Ratte oder: Das Vespa-Erbe in den Händen der Young People

Klaus Neumann-Braun    

 

vespas

Street Culture 2day: Young Lad, Rat Scooter- und Vintage-Schrauber

Cityscooter sind Teil des Lad Sets, das den Young Urban in den heutigen Städten überhaupt nur überleben lässt: Selbst im größten Verkehrsgewühl findet der Young Lad seinen Weg und lässt sich weder von Stau noch von Parkplatznot aufhalten. Er fährt eine Vespa, deren aktueller Motor den klangvollen Namen Low Emission Advanced Engine Range – offizielles Kürzel: L.E.Ad.E.R. – trägt. Ganz anders die Schrauber, die sich an den Best Rat (Bike and Low Rider) Scooter Competitions vergnügen: Sie folgen dem Motto: zurück zum bloß Notwendigen. Sie bauen ihre Maschinen zu abenteuerlichen Phantasiegebilden um, die einen manches Mal an eine Kreuzung von Militärgerät und Cyberspace-Vehikel à la „Mad Max“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Mad_Max) denken lassen. Diese nahezu ungerahmte und geradezu unstillbare Umbaulust teilen die Vintage-Schrauber sicherlich nicht – im Gegenteil: Sie verschreiben sich ganz dem Wiederaufbau und Erhalt ihrer alten Original-Scooter. Old- und Youngtimer werden würdig gepflegt und – je nach Interesse –  von entsprechender neu aufgelegter Vintage-Mode stilvoll gerahmt: Adidas hat unlängst in Japan eine neue Modelinie aufgelegt, die in Kooperation mit Vespa vermarktet wird. Und die neue Kollektion von Liam Gallagher (Oasis) lehnt sich deutlich erkennbar an der Scooter-(Film-)Welt von Quadrophenia an. Es ist offensichtlich: Die Scooter sind Kult und fahren weiter vorne mit.

cityscootersIm Folgenden wird am Beispiel des bis heute anhaltenden Kults um den weltweiten Scooter-„Klassiker“ Vespa die eigentümliche Dynamik von Beschleunigung und Entschleunigung sowie von (Mode-)Mainstream und Rebellion diskutiert. Wie zu sehen sein wird, ist die Original-Vespa der nach dem 2. Weltkrieg in Europa forciert einsetzenden Modernisierung durch länderübergreifende Vermehrung von Mobilität verpflichtet. Was sich flächendeckend durchsetzt, lässt auch einzelne Teilbereiche und –gruppen einer einzelnen Gesellschaft und Nation nicht unberührt: Der Fall der englischen Jugendsubkultur der 1960er Jahre zeigt beispielhaft, wie die jungen Leute seinerzeit mit ihren Vespa-Rollern gegen das autoritäre Generationsverhältnis rebellierten, wie sie also konkret den damaligen Autoritäten davonfuhren, um sich an entfernten Orten gemeinsam zu vergnügen. Inzwischen hat der Mod-Style einige Comebacks erfahren können. Die gegenwärtige Retro-Bewegung setzt mit ihrer Vorliebe für die Restaurierung der Old- und Youngtimer-Maschinen (Schrauber-Kult) durchaus auch mit kulturkritischem Impetus auf die Verlangsamung der heute durch und durch beschleunigten Gesellschaft mit der Pointe, dass in den gegenwärtigen Großstädten die langsam(er)en Oldtimer sogar wieder Mobilitätsvorteile einbringen können (vorbei am Stau!). Das gleichzeitig Ungleichzeitige scheint sich in interessanter Art und Weise auszuzahlen.

Die Geburt des Vespa-Kults

vespa

Begonnen hat der Aufstieg der Vespa (zu Deutsch: Wespe) im Europa der Nachkriegszeit. Die italienischen Piaggio Air-Werke in Pisa und Pontedera waren 1945 stark zerstört. Der Neuanfang sollte mit einem neuen Produkt, dem Motorroller, gelingen: ein Zweirad als leichtes Fahrzeug für alle. Zwar konnte man sich an dem Welbike-Roller (http://de.wikipedia.org/wiki/Welbike) orientieren, den die alliierten Truppen im zweiten Weltkrieg verwendet hatten, jedoch war dessen Ästhetik alles andere als überzeugend. Ein Ingenieur namens Carradino D’Ascanio entwickelte dann 1945 unter dem amerikanophilen Decknamen „Paperino“ (= Donald Duck) das Ur-Model der Vespa, die Moto Piaggio MP6, die bis heute noch formgebend nachwirkt. Den spotzelnd tönenden Motor hörend soll der Firmeneigner Enrico Piaggio seinerzeit festgestellt haben: „Ecco, la vespa!“ - unter diesem Namen sollte sie fortan fliegen (Kubisch 2004).

Entgegen der landläufigen Annahme war der Scooter (Shattuck/Peterson 2005) keine organische Weiterentwicklung eines schon bekannten Fahrzeugs, also eine Fahrzeugvariante auf dem Weg vom Fahrrad (Dodge 2001) zum Motorrad (Alford/Ferriss 2008). Vielmehr ging die Vespa einen eigenen neuen Weg: Der Roller war in der europäischen Nachkriegszeit der Zwischenschritt zum Auto. Im zeitgenössischen Verständnis steht die Vespa für die friedliche „Mobilmachung“: Wer sich seinerzeit kein Auto leisten konnte, sattelte auf den Scooter um. Man war mobil, konnte in seiner Stadtkleidung fahren (Frauen im Rock und Priester in Sutane) und musste sich nicht in das „dicke Fell“ der Motorradfahrer hüllen. Und man war „modern“ und modisch unterwegs: Von Anfang an begleitete der Hersteller Piaggio die Produkteinführung und Markenpflege kontinuierlich mit erfolgreichen prototypisch zu nennenden Werbekampagnen.

Mobilität – Marke – Mode

Die Vespa umgab von Start weg ein gewisses „Vespa-Flair“ – mit an die jeweiligen Zielgruppenbedürfnisse angepassten Akzenten: „Frau macht mobil“ war der Slogan für die weiblichen Kunden, der auf die Brechung des bis dato männlichen Privilegs der Mobilität anspielte. Werbebilder zeigten Frauen in selbstbewusster Fahrt in Freiheit und Abenteuer, aber auch auf ihren vielen Wegen beim Bewältigen des Familienalltags (Einkaufen). Eine zweite Werbebotschaft prägte eine eigene Vespa-Romantik im Horizont von „vertrauter Zweisamkeit“ bis „erotischem Auftritt“. Kultstatus erlangte 1960 der Film „La dolce vita“, in dem Marcello Mastroianni und Anouk Aimée sich unsterblich auf und in eine(r) Vespa verliebten. Der Hersteller Piaggio meisterte ganz offensichtlich perfekt den Spagat zwischen individueller Freiheit und familiärer Zweckmäßigkeit. Seiner Zeit voraus war Piaggio weiterhin auch darin, auf die Aktivitäten von Vespa-Clubs zu setzen. Man unterstütze die „Vespisti“ großzügig in ihren mannigfaltigen Vereinsaktivitäten: z.B. Geschicklichkeitsprüfungen (offroad), gemeinsame Sternfahrten, Fernreisen (Zuverlässigkeitstests), Wettkämpfe und Rekorde. Geradezu genial war der Schachzug, Stars wie bekannte Autorennfahrer (!) zu Ehrenvorsitzenden der Clubs zu machen. Wenn man so will, griff diese damalige Kommunikationsstrategie bereits den heute bekannten Marketinginstrumenten Communities und virales Marketing vorweg. Und schließlich operierte die Vespa-Werbung mit dem Versprechen auf die (ewig andauernde) Jugendlichkeit – unter Aufgriff des jeweiligen Zeitgeistes (in den 1980er Jahren wird die Vespa zum „just do it“-Symbol in Sachen (auch: sozialer!) Mobilität, Freizeit, Abenteuer; in Zeiten des Internets wird sie „glokal“ gedacht: „Lokal fahren – global denken“ lautet der Slogan und man sieht im Stil der bekannten Benetton-Kampagnen ein junges internationales Paar neben einer roten Vespa Händchen haltend stehen. Die Vespisti-Welt war somit vergleichsweise facettenreich geordnet – aufgegriffen wurden die Themen:

-       Mobilität / für alle!

-       Paare / Liebespaare

-       Ferien / Freizeit / Clubs

-       Filmstars / Grand-Prix-Stars

-       Jugendlichkeit / Mode / Lifestyle.

Konturen eines Lebenszyklus

Mit einem Blick zurück ist dem Hersteller Einzigartiges gelungen. Er schuf das Image eines Rollers, der mehr als alle anderen „kann“: Die Vespa als ein Ding, das jedem den Kopf verdreht! Im Laufe der Firmengeschichte wurde der Name Vespa in Europa zum Inbegriff des Rollers schlechthin. Piaggio ist damit der Sprung vom Marken- zum Gattungsbegriff gelungen. Dieser Weg war lang: Der Roller erlebte im westlichen Europa

-       eine Hausse in der Zeit von 1950 bis Mitte der 1960er Jahre,

-       eine Baisse ab ca. 1963 (zeitgleich Boom des Autoabsatzes),

-       ein vielfältiges Comeback ab den 1990er Jahren als Stadtflitzer, Cityroller, Fun- und Kult-Vehikel, worunter auch die Retro-Variante zu zählen ist (Stichworte z. B. Veteranen-Kult, Sammel-Leidenschaft, Rückbesinnung auf traditionelle Wertemuster der Technikgeschichte).

Für das Unternehmen Piaggio bzw. Vespa stellt der Roller heute die „authentischste Form städtischen Lebens“ dar. Die Firmenphilosophie besagt weiter: „Der Umstand, dass die Vespa immer aktuell und nie nostalgisch ist, macht aus ihr einen „lebendigen“ Mythos oder besser gesagt ein Kultobjekt. Sie bringt ihre eigene Persönlichkeit zum Ausdruck und verkörpert einen „zeitlosen Stil“, der zwar stets sein „Gesicht“ ändert, aber nie sein eigenes Wesen verrät.“ Kann man das Ziel besser umschreiben, den Vespa-Scooter erfolgreich als eine zentrale Ideologiemaschine zu inszenieren?

Jugendsubkulturen gestern: Die Mods der 1960er und 1980er Jahre

Die moderne Gesellschaft ist von einer hohen Beschleunigung geprägt, die im Zusammenhang mit der fortschreitenden Mobilisierung zu sehen ist (Motto: „Weiter, schneller!“). Diese Mobilisierung wiederum eröffnet den Menschen wichtige Chancen für ihre Autonomisierung. Insbesondere in spezifisch autoritären Generationsverhältnissen sind Momente der Rebellion notwendige Bedingung für das Finden des eigenen Weges (Identität durch Differenz). Eigensinn und Widerstand der Heranwachsenden zeigen sich in Gestalt des Snotty Kid aber auch im wilden Zorn.

Mods - aus dem Englischen von Modernist abgeleitet – waren Anhänger einer Jugendsubkultur im England der frühen und mittleren 1960er Jahre. Ihre Herkunft war die Arbeiterklasse. Als Arbeiterjugendliche grenzten sie sich in synchroner Perspektive gegenüber den Jugendsubkulturen der Rocker sowie in diachroner Sicht gegenüber den Teddyboys (Machismo-Kult!) ab. Die Mod-Bewegung identifizierte sich über eine coole, zurückhaltende und cleane Ästhetik: Der König-Edward-Anzug (Edwardian Suit) stellte die modernistische Variante eines italienischen Kleidungsstils dar und bevorzugte Marken waren Fred Perry oder Ben Sherman. Man mied die Rocker-Kluft, um sich einer kleinkarierten Eleganz zu widmen. Der Leitspruch lautete: „Der Schein bestimmt das Sein.“ Als Haupterkennungsmerkmal der Mods gilt heute der Parka (Jenß 2007). Mindestens vier verschiedene subkulturelle Varianten ließen sich unterscheiden:

-       die distinguierte Campvariante der Kunststudenten;

-       der gewöhnliche Mod-Stil;

-       die Jungs mit den Motorrollern;

-       die hartgesottenen Mods (die späteren Skinheads).

Die Jungs mit den Motorrollern fuhren Vespas (keine englischen Roller!). Die Maschinen wurden instandgehalten, um Teile erweitert oder zum Custom Roller umgebaut. An Wochenenden erfolgten große Ausfahrten mit der ganzen Clique, die teilweise aus 50 bis zu 200 Mods bestand. Standardziel war das Seebad Brighton mit dem damaligen zentralen Treffpunkt, dem Electric Ballroom. Dort kam es auch zu zahlreichen großen handgreiflichen Auseinandersetzungen mit deren Hauptfeinden, den Rockern. Am Montag wurde dann jedoch wieder gearbeitet und die „stilvollen Randalierer“ – wie sie seinerzeit genannt wurden – ersehnten wieder das nächste Wochenende im Electric Ballroom. Der Lebensstil der Mods wird mit dem Wort „Speed“ charakterisiert: Sie liebten die Geschwindigkeit wie auch die Droge (insbesondere Amphetamine). Beides half den Jungs mit den Rollern, ihre vergleichsweise schlechte berufliche Situation (schlechte Ausbildung und daher niedriger Berufsstatus) für die Dauer des Wochenendes zu vergessen und gleichsam kleine (Freizeit-)Fluchten in Ballroom und Kaufhaus zu leben. Die Mods standen seinerzeit stellvertretend für Teenager mit starkem Konsumbedürfnis, das sich stark mit dem Interesse des Marktes an einer umfassenden Vermarktung des Stiles deckte. Deren Erscheinungsbild signalisierte deutlich, dass sich Arbeiterkinder aus eigenen Mitteln gut und teuer in der neusten Mode einkleiden konnten (Barns 1991; Cohen 2002; www.modculture.co.uk; www.thescene.de).

Mobilität, Beschleunigung und Geschwindigkeit gaben den Jungs mit den Rollern die Möglichkeit, ihrem Familien- und Berufsalltag, also ihren Eltern und Vorgesetzten, davonzufahren, um in ihrer Freizeitwelt von Sex, Drugs, R&B und Schlägereien anzukommen – eine frühe Form einer rebellischen Politik des Vergnügens.

Ende der 1970er Jahre gab es bis Mitte der 1980er Jahre ein Revival: 1979 erschien der Film „Quadrophonia“ der Pop-Gruppe The Who, eine Retro-Medieninszenierung der Mod-Subkultur im British Hollywood-Style. Schaut man sich dieses 1980er Mod-Revival im Spiegel der Scooter-Ästhetik an, überwiegt der Eindruck (fast) einer Parodie auf das Alte: An den Vespas wird wie eh und je ein übertriebenes Tuning wie an einer Harley vorgenommen – dabei allerdings doch noch im Charme und Style der „good old“ Vespa, mit der in die Jahre gekommene Alt-Mods im sog. Rudel ihre Ausfahrten unternehmen. Die Rebellion entlässt ihre Teens und Twens, die kulturindustrielle Vermarktung des Mod-Stils gewinnt die Oberhand, aus Mitgliedern einer Subkultur werden Fans von Modestilen in einer Erlebnisgesellschaft (Schulze 2005).

Jugendkultur heute: Die Retro-Schrauber

Der Begriff Retro(-welle, -Stil, -Look, -Design) kennzeichnet eine Modewelle, deren Inhalt eine rückwärts-orientierte Mode ist (Guffey 2006). Im Amerikanischen findet der Begriff Vintage Verwendung. Das Motto lautet, ästhetisch ein Leben zu führen als Zitat / mit/aus Zitaten. Die Wiederentdeckung des Phänomens Retro/Vintage konterkariert die Wegwerfgesellschaft: In den USA wird in TV-Serien wie z.B. „Mad Men“ ein stilvoller ästhetischer Anblick vorgelebt. Es dominieren klassische Linien, die in würdiger Art und Weise getragen und präsentiert werden. Dank Medienzirkus und Startum erfährt die Vintage-Mode seit den 2000er Jahren wieder einen Popularitätsschub. So schnell wie das Internet Bilder neuer Kollektionen verbreitet, kann kein Konsument reagieren. Und wenn heutzutage die Designer ohnehin nur an der Mode vergangener Stilepochen anknüpfen, kann auf diese Neuauflagen gut und gerne verzichtet und gleich auf die Originale von gestern zurückgegriffen werden, garantieren diese immerhin Qualität und Exklusivität.

signAktuell lässt sich ein Comeback der 1980er Jahre feststellen. In Referenz auf diese Zeitperiode wird auch die Mod-Ästhetik wieder – d.h. nun das dritte Mal – aufgerufen und mit ihr die Roller-Jungs. Diese Jungs leben jedoch nicht in der Revolte gegenüber Älteren (Stichwort Generationskonflikt; siehe die Ikone James Dean, von dem der Regisseur Elia Kazan sagte, er sei wütend gewesen auf alle Väter dieser Welt) sondern in ihrer Kult-Welt der Schrauber. Und diese ließe sich nicht als Revolte bezeichnen sondern vielmehr – wenn überhaupt – als eine leise (!) Rebellion gegen den „Ungeist der Zeit“, in der nur das Neue, das Schnelle, das Laute, das Oberflächliche zählen und das Alte entsorgt gehört. Eine alte Vespa hingegen ist ein einfach konstruiertes Fahrzeug, das mit überschaubaren Mitteln selbst instandgehalten werden kann. Im Gegensatz zu modernen Konkurrenzprodukten, die hauptsächlich mit Plastikteilen ausgestattet sind, besteht die „good old“ Vespa in tragender Weise aus Metalteilen. Diese können immer wieder repariert und ggf. neu aufgebaut werden. Der dazu notwendige finanzielle Rahmen ist überschaubar, also auch für den kleinen Geldbeutel junger Leute tragbar. Über Internet findet eine Verständigung mit Gleichgesinnten (Communities) statt, die bei Bedarf mit Rat und Tat zur Seite stehen. Gemeinsame Ausfahrten werden organisiert, in denen es nicht um Geschwindigkeitsrekorde geht sondern um das Erleben einer Ausfahrt in überschaubarer Gemeinschaft. Die gemeinsame Orientierung ergibt sich nicht aus einer gleichen Klassenlage (früher: Arbeiterklasse) sondern vielmehr durch ein gemeinsames Interesse – ein Interesse, das sich auf ein Kult-Objekt der Mobilität richtet und sich verbindet mit dem Gedanken, Gutes, Originales zu erhalten und Gemeinschaft zu pflegen. So wie die Slow Food-Bewegung ihr Konzept eines genussvollen, bewussten, regional verankerten Essens dem Essen à la Fast Food-Karte gegenüberstellt, vertreten Vespa-Schrauber ein Mobilitätskonzept, das ebenbürtig auf ein qualitätsvolles Produkt (Vespa) setzt, zu langsamem Fahren anhält und das selbst gewartet werden kann. Treffpunkte solcher Schrauber-Szenen sind kleine Werkstätten, die die Jahrzehnte im Originalzustand überstanden haben. Der alte Mechaniker ist gegangen und hat Platz gemacht für junge Leute, die nichts ändern sondern die vorgefundene Tradition fortführen wollen.

garageWollte man diesen Gedanken zuspitzen, ließe sich etwa so argumentieren: Unsere Gesellschaft befindet sich – wie erwähnt – seit der Industrialisierung in einem forcierten Wandel. Eine Schlüsselfunktion übernehmen hierbei Technikentwicklung und Ausbau der Verkehrswege (Flüsse, Straßen- und Schienennetze, Datennetze). Diese Entwicklung ist bis heute nicht abgeschlossen – im Gegenteil: Mit dem Digitalisierungsschub zum Anfang des 21. Jahrhunderts wurde das Netz der Informationsdatenautobahnen weiter ausgebaut. Die Medienkommunikation ist in gleichsam radikaler Weise schnell (Beschleunigung), flexibel (Mobilität), differenziert (Parallelnutzung von Medien im Crossover), interaktiv (Partizipation) und glokal (Globalisierung) geworden. Damit ist sowohl dem Individuum als auch der Gesellschaft ein in nie gekannter Weise komplexer (Medien-)Alltag vorgegeben und mit guten Gründen ließe sich behaupten, dass wir gegenwärtig in einer durch und durch medial beeinflussten Überforderungsgesellschaft leben. Die Stellungsnahmen der Menschen zu diesen gesellschaftlichen Verhältnissen nehmen recht unterschiedliche Formen an: Die einen gehen mit diesen Veränderungen affirmativ mit, andere hingegen praktizieren Formen von Opposition und Rebellion, Widerspruch und Eigensinn. Besonders interessant sind jedoch Verschränkungskonstellationen von Progression und Regression: Technische Errungenschaften der Mediengesellschaft wie z.B. das Netz werden gleichermaßen genutzt wie die technischen Vermächtnisse vergangener Zeiten, die in sog. Retro-Kulturen zu charismatisierten Kultgegenständen werden. Ein erhellendes Symbol dieser gleichzeitigen Ungleichzeitigkeit wäre in den Figuren des Netz-Teens und Netz-Twens zu sehen, die in der Liebe zum alten Vespa-Motorroller der 1960er und ‘70er Jahre ihren individuellen Beitrag an der Mitwirkung an der Entschleunigung unserer Hochgeschwindigkeitsgesellschaft (Rosa 2008) sehen. Das Gestern im Heute wird zur Idee einer Entwicklung, mit der das Morgen im Heute besser gestaltet werden soll.

Die modern Vespa: Über „Junk Rats” and „White People”

Mit ganz anderer Gesinnung sind die Schrauber der Rat Bikes resp. Rat Scooters (im deutschen Sprachgebrauch schlicht „Ratte“ genannt) unterwegs. Ratbikes nennt man Motorräder bzw. auch Scooters, die auf skurrile Art und Weise umgebaut werden und/oder einfach nur gefahren werden ohne weitere aufwändige Putzaktivitäten. Unterscheiden lassen sich:

-       Decorated Bikes (mit allem Möglichen versehene Fahrzeuge);

-       Survival Bikes (Umbau der Fahrzeuge in Richtung Militär und Survival, Orientierungsrahmen ist der Film „Mad Max“);

-       Bikes in Use (BIU) (pragmatische Halter fahren ihre Fahrzeuge unter Verzicht von jeglichen Putzattacken; Leitspruch: „Ein Bike ist ein Fahrzeug und kein Putzzeug.“).

ratbike

Besonders interessant wirken die Decorated und Survival Bikes resp. Scooters. Sie sind durchweg individuell gestaltet: Mattschwarz angemalte Maschinen sind in mitunter skurriler Weise mit nützlichem aber auch unsinnigem Zubehör ausgestattet. Einen Einblick in die Ästhetik dieser Ratten geben die Sites www.ratbike.org sowie www.modernvespa.com/forum/topic20886.html. Das Kreieren solcher Phantasievehikel bewegt sich im Horizont eines fundamentalistisch, manches Mal eigenbrötlerisch gestimmten Pragmatismus (z.B. elektrische Griffheizung sowie Schlauch zum Wärmetauscher am Auspuff (Ummantelung) zur Warmluft-Beheizung der Kleidung) im Einklang mit einer anarchistisch geprägten Underground-Attitüde. „Rat bikes are no-nonsense but fun!“ heißt es in den Foren. Ohne die Rahmung einer Klassenlage (klassische Jugendsubkulturen der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts) und auch ohne die Orientierung an dem Wert der Traditionspflege (Old- und Youngtimer-Kult) handeln die sozial gesehen individualisierten Rat-Schrauber entlang ihrer persönlichen Interessen gleichsam auf eigene Karte. Sozialen Halt gewinnen sie über Netz und Communities (Peer Review) sowie über die Welt der Unterhaltungsmedien, in denen Filme wie bspw. „Mad Max“ zu sehen sind. Wer letztlich ein Rat Bike oder einen Rat Scooter sein Eigen nennt und belebt und liebt, hängt in der Regel von eigenen Vorlieben und den Kontingenzen des Lebens ab: Der eine ist von dem fetten Sound einer dicken Maschine (Bike) fasziniert, der andere vom freien Gefühl, ohne viel hin und her mit seinen Alltagsklamotten auf einem fahrenden Sessel davon zu flitzen (Scooter).

Das Freiheitsgefühl des Scooter-Fahrens teilen auch die normalen Mittelschichtler, die sich bspw. im Forum www.stuffwhitepeoplelike.com treffen, das sich als „a guide to the unique taste of millions“ versteht. Unter der Position 126 werden in erwartbarer politisch korrekter Weise die Vorteile des Vespa-Fahrens (praktisch, beliebt, umweltfreundlich) thematisiert. Die zugehörigen Kommentare sprechen eine deutliche Sprache: Anzeigen von Vespa-Fahrzeughändlern sind zu sehen und die „millions of white people“ diskutieren, ob nicht doch ein schnittiges Elektroauto attraktiver als ein Scooter ist. Die Nase vorn hat allein der Young Urban, der im Großstadtstau an allen diesen vierrädrigen Flitzern vorbei als L.E.Ad.E.R. seinen eigenen Weg fahren kann. Goodbye Underground, hello Konkurrenzkultur (Neckel 2008), in der ein Scooter einen im Business Look Erster sein lässt: Flucht nach vorn in die Erfolgsgesellschaft!

 

Literatur

Steven E. Alford and Suzanne Ferriss. Motorcycle. London: Reaktion, 2008.

Richard Barns. Mods! London: Plexus, 1991.

Stanley Cohen. Folk Devils and Moral Panic: The Creation of the Mods and Rockers. London: Routledge, 2002.

Pryor Dodge. Faszination Fahrrad – Geschichte, Technik, Entwicklung. Bielefeld: Delius Klasing, 2/2001.

Elizabeth E. Guffey. Retro: The Culture of Revival. London: Reaktion, 2006.

Heike Jenß. Sixties Dress Only: Mode und Konsum in der Retro-Szene der Mods. Frankfurt/M: Campus, 2007.

Lutz-Ulrich Kubisch. Vespa mi’ amore. Alle Motorroller seit 1946. Geschichte – Technik – Nostalgie. Stuttgart: Motorbuch, 2/2004.

Sighard Neckel. Flucht nach vorn. Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft. Frankfurt/M: Campus, 2008.

Gerhard Schulze. Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt/M: Campus, 2005.

Colin Shattuck and Eric Peterson. Scooters: Red Eyes, Whitewalls, and Blue Smoke. Denver, Speck Pr., 2005.

Web Links

www.modculture.co.uk

www.modernvespa.com/forum/topic20886.html

www.ratbike.org

www.stuffwhitepeoplelike.com

www.thescene.de

www.wikipedia.org/wiki/Mad_Max

www.wikipedia.org/wiki/Welbike

 

 

 

 

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